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Tbilisi - Agarak: Veloland Armenien

Veröffentlicht am 20.05.2014

Internet zu finden wird immer schwieriger, deshalb werden die Abstände zwischen den Einträgen länger und der Eintrag selber eben auch...

Von Tbilisi erreichten wir die Grenze zu Armenien in einer Tagesetappe. Am Zoll hatte es ein Plakat mit dem Hinweis "To take and give bribes is a crime". Die Illustration, eine Hand mit Geldnoten, liess uns darauf schliessen, dass Bribe wohl Bestechung heissen muss. Fünf Minuten später der erste Test; Der Zollbeamte gab uns ein Glacé, während er unsere Pässe kontrollierte. War jetzt das ein „take bribes“?

Mit dem Fahrrad Grenzen zu überqueren ist immer ein Highlight. Es gelten irgendwie Sonderkonditionen für uns. Egal in welchem Land, kaum in der Autoschlange hinten angestanden werden wir nach vorne gewinkt, von den Zöllnern, als auch von den Grenzgängern. An manchen Grenzen ist es üblich, Fussgänger von Autos zu trennen. Alle Mitfahrer müssen dann aussteigen und mit ihrem Gepäck durch die Fussgänger-Röntgen-Schleuse. Wir gelten dann als Auto und können alle Taschen dran lassen. Bis jetzt hatten wir das Glück, dass wir noch nie etwas auspacken mussten. In unsere Taschen, auch Roller genannt, passt nämlich mehr rein, als man auf den ersten Blick erwarten würde. Mittlerweile total komprimiert, platz- und gewichtsoptimiert, ist jedes Ding genau da wo es sein muss, um einen zusätzlichen Zweck zu erfüllen. So werden z.B. Tassen mit Unterhosen gefüllt, Badetücher als Notebook-Polsterung eingesetzt oder Jacken nach Lippunerscher Art in die Kapuze gerollt.

Kurz nach der Grenze wurde uns anhand einer Metalltafel in Erinnerung gerufen, wovon wir während der Planungsphase oft gesprochen hatten – die Seidenstrasse. 

Armeniens Seidenstrasse - unsere RouteArmeniens Seidenstrasse - unsere Route

Eines vorweg, Armenien hat es in sich. Innert 9 Tagen standen 7 Pässe auf dem Plan. Erstes Ziel war der grosse blaue Fleck auf der Karte, der Sewansee, gelegen in einer Hochebene auf 1900 m ü.M. Der Weg dorthin führte uns in unbeschreiblicher Landschaft an unzähligen noch bewaldeten Hügeln, Flüssen und Dörfern vorbei. Am See verbrachten wir unseren ersten Pausentag ausserhalb einer Stadt. Diesmal rennen wir also nicht dem Internet oder irgendwelchen Attraktionen hinterher, sondern chillen und hängen einfach mal rum.

Die Pause war notwendig, denn bald ging es wieder steil bergauf. In unserer veröffentlichten Statistik fehlen die Höhenangaben, daher fügen wir an, dass es im Schnitt in Armenien über 1000 m / Tag waren. Wir wollen nicht klagen, denn wir wurden belohnt.

Als wir beim eben porträtierten, sich gleich unterhalb vom Pass befindlichen Bauernhof fragten, ob wir zelten könnten, wurden wir sogleich zu Kaffee und Schnappspraliné eingeladen. Während dem Kaffeetrinken und Plaudern auf Russisch, so gut es ging, kam so einiges zum Vorschein was in den Herzen der Armeniern tief sitzt. Als wir die Karte auspackten, immer ein gutes Ding wenn die Worte fehlen, brach der nette Mann in Tränen aus. Beim Anblick der Grenzen mit Azerbaidschan und der Türkei, kamen viele Erinnerungen an die Kriege und Vertreibungen hoch. Namentlich der Nagorno-Karabakh Konflikt, bei dem seine Frau und Kinder getötet wurden, als auch der Genozid von 1918. Dank unserem Reiseführer hatten wir beschränkte Kenntnisse davon, wurden aber bis zu damaligen Zeitpunkt noch nie damit konfrontiert. Wir wollen dem Mann danken, der uns trotz allem mit Güte und Grosszügigkeit begegnete.

Unser nächstes Ziel könnte gegensätzlicher kaum sein: Die brandneue Wings of Tatev, längste Personenseilbahn der Welt mit durchgehendem Tragseil und Eintrag im Guinness Buch, erbaut von der österreichischen Doppelmayr/Garaventa Gruppe (ein Riesenkonzern, der neben der Garaventa, auch andere schweizer Firmen wie Von Roll und CWA übernommen hat). Ein bisschen Heimat steckt drin und so mussten wir einfach auf diese Bahn, die uns 5.7 km weit, quer über ein Tal nach Tatev beförderte.

Auf dem Weg von Tatev nach Kapan kündigte sich mit lautem Grollen ein Gewitter an. Dummerweise waren wir wiedereinmal auf einer Passhöhe, als es unausweichlich zu blitzen, donnern und regnen begann. Mit den in der Türkei erworbenen Blitzschutzkenntnissen, zählten wir immerwährend die Abstände zwischen Donner und Blitz. Bei mehr als 10 dazwischenliegenden Sekunden, sollte man vom Rad absteigen und mit geschlossenen Füssen in einer Böschung in die Hocke gehen. 10 s sind lange, bzw. kann es sehr lange dauern bis nur noch Abstände von mehr als 10 s vernehmbar sind. Fehler Nr. 1: Wir verloren die Geduld und fuhren weiter, schliesslich war es schon spät. 9 s, 8 s, und 7 s - kein Problem. Aber wie schnell geht es von 5 s auf 0 s? Sofort! Und so schlug doch tatsächlich ein Blitz in ca. 50 m Entfernung ein. Es war so hell und laut, das werden wir nie vergessen und wir können froh sein, dass uns nichts passiert ist. Gelernt haben wir also: 10 s wird gewartet auch wenn es eine Ewigkeit geht.

Am nächsten Tag machten wir uns auf zu unserer letzten Etappe in Armenien, dem strengsten und weitesten aller Pässe. Auf unserer halbwegs detaillierten Karte waren die Höhenlinien ungenau (mit 500 m Abständen) eingezeichnet, sodass der Weg noch viel anstrengender war als angenommen. Immerwährendes rauf und runter fahren liess schlussendlich nur die halbe Etappe zu, sodass wir im Dorf Tsav ("Tsau") Rast machen mussten. Aram, ein Bewohner des Dorfes, lud uns zu sich in seine Hütte ein und Martin wurde sogleich sein Freund, was mit reichlich Vodka begossen werden musste. Der Abend mit den Dorfbewohnern, inkl. Haareschneiden von Martin und Lukas, war lustig und ging lang, zu lang, um am nächsten Tag einen Pass zu fahren. Kurzerhand wurde ein Lastwagen organisiert, der uns hochfuhr. Das war der Hammer!

Die Berge Armeniens sind unbeschreiblich schön. Jedem Velofahrer können wir dieses Land von Herzen empfehlen. Bis bald!